Der Islam kannte keine Reformation und keine Aufklärung, so lautet ein gängiger Vorwurf. Dabei hatte der Islam beides gar nicht nötig. Sein Unglück war der Westen. Von Frank Griffel

Wenn im kommenden Jahr Luthers Reformation gefeiert wird, denken viele auch an
den Islam. Die Probleme moderner islamischer Gesellschaften werden häufig damit
erklärt, dass es im Islam keine Reformation und keine Aufklärung gab. Die
Aufklärung gilt dabei als Zurückdrängung der Religion und Stärkung einer davon
unabhängigen philosophischen Tradition. Nach dem Untergang der arabischen
Philosophie im Mittelalter fehle dem Islam ein Gegenpol zur Macht des Religiösen,
wird oft beklagt. Neue Ansätze in der Islamwissenschaft aber versuchen zu zeigen,
dass dem nicht so war, ja, dass es im Islam vor der Konfrontation mit dem
Kolonialismus nie eine Situation gab, in der – wie in Europa – Reformation und
Aufklärung nötig waren.
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